Kriminelle Flachware ...

„evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornamentes aus dem gebrauchs-gegenstande.“

Adolf Loos

Niklas Maak schreibt am 26. 10. 2003 in der FAZ: „... Die kahlen Räume der Zweiten Moderne entsprachen in ihrer anämischen Farblosigkeit den gespenstisch dürren Supermodels, die, wie Kate Moss in der Reklame von Calvin Klein, im weißen Nebel des guten Geschmacks verschwanden.   ..“

Mehr zu Ornamenten und musterbildenden Prozessen in Kunst und Wissenschaft:

NDR Prisma: Kunst mit Wissenschaft

Volkhard Stürzbecher

Selbstorganisierende Malerei

„Nichts haben die Pioniere der abstrakten Kunst wie Klee oder Mondrian mehr gefürchtet als den Vergleich ihrer revolutionären Errungenschaften mit Ornamenten.“

    „Ornament und Abstraktion“ in der Fondation Beyeler

Der Systemtheoretiker und Soziologe Niklas Luhmann formuliert so: „Was für die Evolution der Gesellschaft die Evolution von Sprache bedeutet hatte, ist für die Evolution des Kunstsystems die Evolution des Ornamentalen.“

    Thomas Marks Beitrag zur Ausstellung in der Fondation Beyeler

„Nachdem das Ornament offiziell abgeschafft worden war, lebte es im Unterbewussten der Menschen weiter. Die Tatsache, dass es nach 100 Jahren wieder auftaucht, zeigt, dass es kein Stil, sondern ein Bedürfnis ist, welches man nicht negieren oder gar abschaffen kann.“

    Geschichte des Ornaments

Der Machtkampf der Künste

Unterhaltungs-Kunst gegen Ernste Kunst

Die spanische Kunsthistorikerin Maria Ocón Fernández dröselt in ihrem Band „Ornament und Moderne“ die Entwicklung der Modernen Architektur als einen Prozess der Ausschließung nicht nur des Ornaments, sondern auch des Kunstgewerbes als „hohe“ Kunstgattung, wie sie im Historismus, v.a. aber im Jugendstil gepflegt wurde. Nach Ocón Fernández waren die Verdammung des Ornaments und seine alleinige Assoziierung mit dem Historismus eine Konstruktion der Vertreter der architektonischen Moderne, um die im 19. Jahrhundert verlorengegangene Stellung der Architektur als Leitgattung wieder zu festigen. Das gleichsam „gattungsentgrenzende“ und in diesem Sinne auch demokratisierende Ornament, das sich gerade im Jugendstil als das Medium der Reform etabliert hatte, sei der Vormachtstellung der Architektur gleichsam gefährlich geworden. Die Tatsache, dass es die dekorativen Künste gewesen seien, die den Anstoß für die moderne Bewegung gegeben hätten, hätte infolgedessen ausgeblendet werden müssen. Statt also weiterhin im Ornament das Vehikel der Erneuerung zu sehen, sei es seit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend verteufelt und die Technik statt seiner zum Leitbild erhoben worden.

    Rezension des Buches von Ocón Fernández, Hans Georg Hiller von Gaertringen auf arthist.net >>>

„Sag ja zum Ja .“

    Bazon Brock

„Gib“ 2003, Öllasurmalerei auf Leinwand, 110 x 140 cm

Ornamentband an einer Hauswand in rosa Sichtbeton

2005 ist der ornamentierte Hausbalken Wirklichkeit geworden >>>

Kultusministerium Paris von Francis Soler >>>

Gebäude als ornamentierter Quaderblock

Herzog & de Meuron: Bibliothek der Fachhochschulen Eberswalde >>>

„Asche zu Asche“ 2004, Camera obscura, digital koloriert, digitaler Kunstdruck, 110 x 140 cm

„Von Staub seid ihr genommen ...“ 2004, Camera obscura, digital koloriert, digitaler Kunstdruck, 110 x 140 cm

oder: eine zweite Postmoderne?

von Gertrud Schrenk

Adolf Loos verurteilte 1908 in „ornament und verbrechen“ das Ornament als weiblich, triebhaft und damit primitiv.

Jedoch monierte Ernst Bloch schon in den Fünfzigern, vor dem Aufkommen postmoderner Theorien, die negativen Auswirkungen der Reinheits-Ideologie („Seit über einer Generation stehen darum diese Stahlmöbel-, Betonkuben- Flachdach-Wesen geschichtslos da, hochmodern und langweilig, scheinbar kühn und echt trivial, voll Haß gegen die Floskel angeblich jedes Ornaments und doch mehr im Schema festgerannt als je eine Stilkopie im schlimmen 19. Jahrhundert.“). Das bezieht sich zwar auf Architektur, aber in der Kunst ist es fast noch schlimmer. Ornamente sind doch nur Tapetenmuster...

Ich habe während meines damaligen Architekturstudiums die Ornamentlosigkeit beklagt und zum Thema gemacht: ein interaktives Ornament, aus Beton gegossen, als Hausbalken.

Jetzt hört man allenthalben, dass es eine Generalamnestie gibt...so gab es in den letzten Jahren drei große Ausstellungen zum Thema Ornament: in Wilhelmshaven, München und Basel.

Und Anfang Januar 2006 eine Tagung zum Thema in Wien! >>>

Es gab damals bei uns an der Architektur in Kaiserslautern dann auch ein Gastseminar, dessen Thema „Sichtbeton“ war >>>. Offensichtlich waren andere auch schon die Kälte und Leere des auf die Spitze getriebenen Modernismus leid. Architekt Hild, der das Seminar damals leitete, arbeitet weiter mit dem Ornament >>> . Spitzdächer galten als Zeichen von Provinzialität, Muster auch, und ein ein anderer Lehrbeauftragter bei uns damals, Ludger Hovestadt, der jetzt an der ETH Zürich lehrt, macht dieses Semester ein Projekt zum Thema ornamentierter Sichtbeton >>> ... Auch Herzog & De Meuron tun desgleichen >>>. Im Interview in der ZEIT >>> erzählt Jacques Herzog allerdings auch Blödsinn: Auf die Frage, warum er denn seine minimalistischen Prinzipien verraten habe, gibt er eine sehr leicht zu durchschauende Ausrede: Sie seien minimalistisch gewesen als Gegenpol zur Postmoderne.

Als ob die Postmoderne sich nennenswert durchgesetzt hätte... Die klassische Moderne in der Architektur: „rein“, asketisch, geometrisch, puristisch, protestantisch - hatte ihre Kontinuität seit dem Bauhaus. Die Postmoderne ist von „richtigen“ Achitekten nie erst genommen worden, wie auch nicht solche Einzelpositionen wie Gaudi oder Hundertwasser.

In Kaiserslautern an der Architektur gab es die Postmoderne überhaupt nicht. Sie kam einfach nicht vor, weder stilistisch noch in Diskussionen.

Nun also das Ornament als Bildsujet.

Da gibt es das reine Ornament, gewonnen mit Hilfe des Computers aus meinen Fotografien. Gemalt in altmeisterlicher Öllasurtechnik; behutsam Schicht auf Schicht aufbauend. Oder als digitaler Kunstdruck.

Muster auch in meinen Lochkamera-Fotografien: Adam und Eva betrachten sich den zum Ornament geronnenen Müll der Stadt.

 

Der Mensch - erschaffen aus Mustern.

Muster wirken auf einer sehr tiefen Ebene auf unsere biologische Organisation. Allen Lebensprozessen liegt Rhythmus zugrunde, ein Muster. Ein EEG zB lässt sich auch als Ornament lesen. Vielleicht ist das der Grund, warum Musik so stark auf uns wirkt, die reine rhythmische Schwingung. Materielle oder immaterielle Muster - soweit sich das unterscheiden lässt - sind die formbildenden Strukturen, die alles verbinden.

Ja, man könnte sogar so weit gehen, zu sagen, dass wir eigentlich nur aus Mustern bestehen - denn die Physik kennt schon lange keine Feststoffe mehr, nur noch Schwingungen und Wahrscheinlichkeiten...

Muster ordnen unsere Welt.

 

Die Ausstellung zum Ornament: Pattern Project >>